Sofie war eine Ente, die das Konzept des “Teichs” grundlegend infrage stellte. Während ihre Artgenossinnen die Qualität des hiesigen Schlamms nach der Regenmenge des letzten Dienstags bewerteten, blickte Sofie in den Horizont. „Der Rand der Welt“, sagte sie pathetisch zu ihrer Freundin Elise, „ist nicht das Ufer. Es ist nur eine psychologische Barriere, die wir durch Schnattern erzeugen.“ Elise, die gerade versuchte, eine besonders widerspenstige Alge zu bezwingen, hielt inne. „Sofie, da draussen gibt es keine Brotstücke von Rentnern. Da draußen gibt es Füchse und unberechenbaren Wind!“ Doch Sofie war nicht zu halten. Sie packte nichts ein – was mangels Taschen ohnehin schwierig gewesen wäre – und flog los.
Nach drei Stunden Flug stellte Sofie fest, dass die Welt verdammt gross war. Sie landete auf dem Dach eines Wolkenkratzers in einer Stadt. Unter ihr hasteten Menschen wie Ameisen umher, nur schlechter gelaunt. „Sind wir Enten die Krone der Schöpfung?“, philosophierte sie, während sie versuchte, auf einer rutschigen Photovoltaikanlage das Gleichgewicht zu halten. „Wir können schwimmen, gehen und fliegen. Der Mensch kann nur gehen. Warum bin dann ich diejenige, die hier oben im Regen sitzt?“
Sie traf eine Taube namens Pascal, die vorgab, Existenzialist zu sein. „Brot ist eine Illusion“, gurrte Pascal düster. „Der Hunger ist die einzige Wahrheit.“ Sofie fand Pascal etwas anstrengend. Sie merkte, dass es wo anders oft genauso kompliziert ist wie zu Hause – nur mit anderem Bodenbelag.
Monate später sass Sofie an der wilden Küste einer Insel im Atlantik. Plötzlich hörte sie ein vertrautes, leicht asthmatisches Schnattern. Es war Elise. Sie war tatsächlich nachgeflogen, sah aber aus, als hätte sie eine traumatische Begegnung mit einem Windrad hinter sich. „Ich dachte mir, bevor du die Welt alleine zu Ende erklärst, komme ich vorbei“, japste Elise und landete unsanft im Gras. „Gibt es hier Brot?“ „Nein“, sagte Sofie und blickte über die grünen Weiden zum markanten Felsabgrund und hinunter zu den Schaumkronen. „Aber es gibt eine Stille, die so tief ist, dass man sein eigenes Herz schlagen hört.“ Elise schüttelte ihr Gefieder. „Ich höre nur mein Kniegelenk. Aber die Aussicht ist okay.“ „Fliegen wir morgen weiter?“, fragte Elise. „Morgen“, sagte Sofie, „definieren wir den Begriff ‘Weiter’ einfach neu. Aber erst schlafen wir.“
